Preussischer Soldat, Hochverräter, Revolutionär, eidgenössischer Offizier
Rüstows Leben
Der Militärwissenschafter Wilhelm Rüstow wurde 1821 in Brandenburg an der Havel geboren und starb durch Suizid 1878 in Aussersihl bei Zürich. Er schloss 1840 seine Ausbildung an der Artillerie- und Ingenieurschule Unter den Linden in Berlin ab und wurde für die nächsten zehn Jahre Offizier in der Armee des preussischen Königs. Seit Mitte der 1840er-Jahre vertrat er eine radikaldemokratische Haltung. Nach der Publikation seiner Schrift ‹Der deutsche Militärstaat vor und während der Revolution› (Königsberg 1850) wurde er wegen Hochverrats und Majestätsbeleidigung zu 31½ Jahren Festungshaft verurteilt. Er floh nach Zürich und konnte sich 1856 in der Tösstaler Gemeinde Bauma einbürgern lassen (vgl. RUE M 39.01). In den folgenden Jahren publizierte er zu allen grösseren Schlachten, Kriegen und Aufständen seiner Zeit, aber auch zu theoretischen und praktischen kriegswissenschaftlichen Fragen. Die Informationen beschaffte er sich über ein Netzwerk von Offizieren aus vielen Ländern Europas, die er auch persönlich aufsuchte. Schweizer Kantons- und Bundesbehörden schätzten ihn als Militärexperten. Von 1852 bis 1855 las er als Privatdozent für Kriegsgeschichte an der Universität Zürich, von 1875 bis 1876 am Eidgenössischen Polytechnikum. 1860 machte er als Generalstabschef Garibaldis und späterer erfolgreicher Kommandant eines Flügels der Südarmee im Zweiten Italienischen Befreiungskrieg praktische Kriegserfahrung.
Im Jahr 1870 wurde Rüstow Oberst des schweizerischen Generalstabs und Chef der historisch-statistischen Sektion des Armeestabs. Er «übte wesentlichen Einfluss auf die Armeereformbewegung der 1860er-Jahre aus, die auf den zivilen Bildungsinstitutionen und Vereinen eine Milizarmee aufbauen wollte. Professionelle Sachkenntnis und eine kritische Sprache gehörten zu Rüstows Markenzeichen» (HLS, Lemma ‹Rüstow, Wilhelm›). Als die Gründung der Militärabteilung des Eidgenössischen Polytechnikums in Zürich vorbereitet wurde, hoffte er, bei der Eröffnung 1878 Professor für Kriegsgeschichte, Strategie, Taktik, Heeresorganisation und -verwaltung und erster Leiter der Abteilung zu werden. Gewählt wurde jedoch der Aarauer Militärpublizist, Offizier und Kunstinteressierte Emil Rothpletz. In grosser Bitterkeit beschloss Rüstow, aus dem Leben zu scheiden, ordnete seine Hinterlassenschaft, schrieb Abschiedsbriefe an seine Kinder und erschoss sich am 15. August 1878.
Zum Nachlass
Der Nachlass enthält Lebensdokumente, wichtige eingegangene Briefe sowie einige von Rüstow verfasste ausgegangene Briefe an seine Familie, Vorlesungs- und Buchmanuskripte, militärbezogene Skizzen und Karten sowie gedruckte militärische Dokumente, die Rüstow für seine militärischen Lehrbücher und Abhandlungen nutzte. Er hat die Unterlagen vor seinem Suizid im Jahr 1878 offenbar systematisch durchgesehen und zusammengehörende Konvolute mit beschrifteten Streifbändern versehen. Er machte darauf Inhaltsangaben und ergänzte diese zum Teil mit persönlichen Kommentaren. Diese Kommentare, aber auch Schriftstücke wie ein Rückblick, den er 1874 «Zur Berichtigung über mich verbreiteter Lügen» (RUE M 34) verfasste, zeigen, dass er sich schwertat mit Unverständnis, Missachtung und Vorwürfen.
Die Materialien selbst geben neben direkten Auskünften über Rüstows Fachgebiet, die Militärwissenschaft, Antworten auf die verschiedensten Fragen: zur Praxis des Wissensmanagements im 19. Jahrhundert, zur Geschichte des Publizierens, zur beruflichen und privaten Vernetzungspraxis und Kommunikation sowie zur Integration in das Gastland. Rüstows Charakter und Persönlichkeit werden in seiner Korrespondenz mit seiner Familie fassbar; er erweist sich darin als engagierter Familienvater. Auch die Korrespondenz mit seinem Bruder Alexander Rüstow (1824–1866), der in der Schlacht von Königgrätz im zusammengewürfelten VIII. Armeekorps an der Seite Österreichs gegen Preussen kämpfte, schwer verwundet wurde und später im Lazarett starb, ist eindrücklich: Erhalten haben sich das Telegramm mit der Nachricht von der Verwundung Alexander Rüstows, der einfühlsame Brief, den Rüstow an seinen Bruder im Lazarett schreibt – und die Rücksendung dieses Briefes mit dem Vermerk: «ist todt». – Rüstows Handschrift ist eine gut lesbare deutsche Kurrentschrift.
Bestandsgeschichte
Der Nachlass von Wilhelm Rüstow ist nach seinem Tod zunächst an das mit ihm eng befreundete Ehepaar Emma und Georg Herwegh gelangt. Die ‹Manuskripte Rüstow› gehörten damit als Teilbestand zum Nachlass Herwegh. Emma und Georg Herweghs Sohn Marcel Herwegh (1858–1937) publizierte 1935 eine Monografie über Rüstow mit dem Titel ‹Guillaume Rustow. Un grand soldat – un grand caractère›. In den folgenden Jahren übergab er die Materialien der Stadt Liestal. Sie wurden in den Jahren 1943 bis 1946 vom deutschen Internierten Bruno Kaiser (1911–1982), später Bibliothekar des Instituts für Marxismus-Leninismus in Ost-Berlin, geordnet und in einem systematischen Zettelkatalog verzeichnet. Der Basler Germanist Alfred Liede (1926–1975) erstellte1960/61 ein gedrucktes Verzeichnis des gesamten Herwegh-Nachlasses (‹Das Herwegh-Archiv im Dichtermuseum Liestal›). Darin werden auf Seite 53 auch die Manuskripte Rüstows aufgelistet.
Bis 2020 wurden die Karteikarten des gesamten Nachlasses Herwegh in die Datenbank kim.BL überführt. Im Jahr 2023 wurde der Teilbestand ‹Manuskripte Rüstow› als ‹Nachlass Wilhelm Rüstow› definiert und in der Zeit vom 16. Januar 2023 bis 6. Januar 2025 durch Verena Adele Bider tiefer erschlossen. Er umfasst fünf Archivschachteln und 78 Datensätze der Kulturgüterdatenbank Imdas Pro / KIM.bl. Die Signatur Rü M wurde neu als RUE M wiedergegeben.
Der Nachlass liegt im 5. OG des DISTL – Dichter:innen- und Stadtmuseums Liestal und ist auf Anfrage vor Ort einsehbar; vollständig digitalisiert ist er jedoch nicht.





