Rut Bischler – Traumabewältigung in Wort und Bild
Rut Bischler-Mundwiler (1937–2021), Kindergärtnerin, Cellistin und Art-Brut-Künstlerin
Rut Bischler wurde am 26. Juni 1937 als Ruth Mundwiler in Liestal geboren. Sie wuchs mit einem älteren und einem jüngeren Bruder in einem musikbegeisterten Elternhaus auf. In Liestal besuchte sie den Kindergarten und die Primarschule; hier erhielt sie auch ihren ersten Cellounterricht. Nach dem Besuch der Mädchenoberschule in Basel absolvierte sie das dortige Kindergärtnerinnenseminar. Anschliessend arbeitete sie als Kindergärtnerin in Basel und Liestal. Gleichzeitig liess sie sich am Basler Konservatorium zur Cellistin ausbilden. 1966 heiratete sie den Sonderschullehrer Hansruedi Bischler. Das Ehepaar lebte zuerst in Liestal und später in einem eigenen Haus in Hölstein.
Im Oktober 1973 erlitt Rut Bischler einen psychischen Zusammenbruch, dem in den folgenden Jahren mehrere Klinikaufenthalte folgten. Auslöser war ein Kindheitstrauma infolge sexuellen Missbrauchs. Nach der Scheidung von ihrem Ehemann im Jahr 1984 begann für sie auch beruflich ein neuer Lebensabschnitt: In Liestal baute sie eine selbstständige Unterrichtstätigkeit als Cellolehrerin auf mit zeitweise mehr als zwanzig Schülerinnen und Schülern. 1987 wurde sie ständiges Mitglied des Neuen Orchesters Basel unter dessen erstem Dirigenten Bela Guyas. Darüber hinaus wirkte sie in verschiedenen Kammermusikformationen mit.
Nach ersten Anfängen im Jahr 1991 begann Rut Bischler im Winter 1997, ergänzend zu ihrer Psychotherapie, regelmässig zu zeichnen und zu malen. Zwischen 1997 und 2000 präsentierte sie ihre Bilder mehrfach in Ausstellungen und Kolloquien. 2004 veröffentlichte der Karger-Verlag in Basel die zweisprachige Publikation ‹Trauma und Kunst. Sexueller Missbrauch und Depression – Trauma and Art. Sexual Abuse and Depression›, die ihrem bildnerischen Schaffen gewidmet ist.
Vom 21. März bis 15. Juni 2018 zeigte das DISTL die Sonderausstellung ‹Rut Bischler. ‹Jedes Bild, das ich gemalt habe, ist wahr››. Begleitend dazu erschien im Zürcher Kunstverlag Scheidegger & Spiess eine Publikation mit demselben Titel.
Im Mai 2021 starb Rut Bischler in Liestal.
Die Rut-Bischler-Sammlung
Im Oktober 2017 schenkte Rut Bischler der Stadt Liestal zuhanden des DISTL den grössten Teil ihres bildnerischen Werks. Den Kern dieses Bestandes bilden die grossformatigen sogenannten Therapiebilder, die zwischen Februar 1997 und Juni 2002 parallel zu einer Therapie beim Psychiater Otmar Hauser, jedoch ohne Anleitung, entstanden sind. Sämtliche Arbeiten sind mit Filzstiften und Acrylfarben auf Papier oder Malkarton ausgeführt und auf dünnen Pavatexplatten montiert. Einige Bilder enthalten zudem aufmontierte dreidimensionale Objekte oder Collage-Elemente. Im Zentrum nahezu aller Bilder steht ein Mädchen oder eine junge Frau als Alter Ego von Rut Bischler, oft im Kampf mit der Umwelt. Die Bildfolge thematisiert die tiefen seelischen Verletzungen infolge jahrelangen sexuellen Missbrauchs in der Kindheit und das Bestreben, diese zu überwinden. Sie dokumentiert psychische Schwankungen zwischen schwerer Depression und lichten Momenten, Fortschritten und Krisen im Verlauf der Psychotherapie, die Sehnsucht nach Geborgenheit, das Ringen um die Selbst- und Sinnfindung als Frau, das Gefühl des Nichtverstandenseins, die Auseinandersetzung mit einer Krebserkrankung sowie die Herausforderungen des Alltags. Für die ganze Bildfolge liess Rut Bischler von einem Schreiner nach eigenen Plänen einen Schrank anfertigen, den die Stadt zusätzlich zu den Bildern gegen eine Entschädigung übernahm. Da Bischler einzelne Therapiebilder verschenkte, sind einzelne Bilder nur durch Fotografien dokumentiert.
Zum Bestand gehören zudem vier weniger umfangreiche Serien mit kleinformatigen Arbeiten. Die älteste entstand zwischen dem 29. Januar und dem 10. Februar 1991. Ursprünglich umfasste sie sieben mit Filzstift gezeichnete Blätter, von denen bei der Übergabe ans DISTL noch drei vorhanden waren. Wie ein Teil der später entstandenen ‹Therapiebilder› zeugen sie von Rut Bischlers Verlangen nach Geborgenheit und Verständnis, die sie sich von ihrem Psychiater erhoffte.
Die zweite Serie bilden die Anfang 1997 entstandenen sogenannten Missbrauchsbilder. Sie umfasste ursprünglich dreizehn, ebenfalls mit Filzstift ausgeführte Zeichnungen, die heute nur noch als Fotokopien oder in der Publikation von 2004 überliefert sind. Aufgrund ihrer drastischen, teilweise expliziten Bildsprache wurde auf eine Veröffentlichung im Online-Portal KIMnet verzichtet.
2002 und 2003 schuf Rut Bischler mit Filzstift und Acryl eine Serie von quadratischen Bildern, die ihr Alter Ego in inniger Verbindung mit der Psychologin Beate Gomille zeigen. Gomille, bei der sich Bischler damals in Behandlung befand, vermittelte ihr – wie kein Psychotherapeut davor und danach – ein Gefühl von Geborgenheit.
Von den späteren, in unterschiedlichen Techniken ausgeführten Arbeiten, die nicht mehr in einem unmittelbaren Zusammenhang mit psychiatrischen und psychologischen Behandlungen stehen, wurden ebenfalls einzelne Werke, darunter ein Beispiel aus einer umfangreichen Serie von Katzenbildern, in die Kunstsammlung der Stadt Liestal aufgenommen.
Zusammen mit den genannten Bildserien übergab Rut Bischler ihre zwölf Bände umfassenden Aufzeichnungen, die zwischen Weihnachten 1988 und Fasnacht 2000 entstanden und ebenso wie die grossformatigen ‹Therapiebilder› an ihren damaligen Psychiater Otmar Hauser gerichtet sind. Neben eigenen Texten – Gedanken, Erinnerungen, Erläuterungen – enthalten sie Fotografien, Reproduktionen von Kunstwerken und weiteres Bildmaterial sowie zahlreiche Zeichnungen unterschiedlicher Art.
Nach dem Tod von Rut Bischler übernahm das DISTL im Herbst 2021 für die Stadt Liestal zudem mehrere Ordner mit Texten, Fotos, Reproduktionen von Gemälden, Fotoalben sowie eine Reihe persönlicher Dokumente. Dieser Teil des Bestandes ist bislang noch nicht inventarisiert.







